„Komm, Theo, lass uns nach Hause gehen“ – Abschied von meinem Lebensmenschen

Anfang 2022 veränderte sich unser Leben von Grund auf. Mein Herzensmann Theo erkrankte plötzlich schwer – eine Autoimmunerkrankung, deren Ursprung niemand mit Sicherheit erklären konnte. Wir haben so oft gefragt: Warum? Der genaue Auslöser blieb ungeklärt, doch wir vermuteten einen Zusammenhang mit der Corona-Booster-Impfung. Für uns war es unbegreiflich. Denn Theo war eigentlich kerngesund. Er achtete auf seinen Körper, ernährte sich ausgewogen und war sportlich aktiv.

Theo war ein Mann, der in sich ruhte und gleichzeitig voller innerem Feuer war. Als ehemaliger Soldat und leidenschaftlicher Bundeswehrpilot war er diszipliniert, fokussiert – ein Mann mit Haltung. Seine zweite große Leidenschaft widmete er dem Modellflug und baute seine Scale-Hubschrauber mit akribischer Sorgfalt selbst. Alles was er tat, tat er mit Hingabe und mit einem wachen Verstand, der nie müde wurde zu hinterfragen – auch während seiner Krankheit forderte er die Ärzte mit seinem kritischen Geist heraus.

Er hatte ein großes Herz und stets ein offenes Ohr für andere. Theo war kein Mann für schnelle Antworten. Wer seinen Rat wollte, musste Zeit mitbringen – aber man ging nie mit leeren Händen. Seine „Erklärbär-Art“ wurde geschätzt, geliebt, manchmal auch belächelt, doch niemand verließ ein Gespräch mit ihm ohne neuen Blickwinkel. Auch heute sagen noch viele: Ich könnte so gut seinen Rat gebrauchen.

Ich auch! Er war meine große Liebe, mein Lebensmensch und Wegweiser, mein Cowboy, mein Katzendompteur, mein Rückhalt und Trost in jeder Sturmflut. Und dann kam dieser Sturm, gegen den wir nicht mehr anreiten konnten.

Trotz aller Hoffnung und Theos unbändigem Lebenswillen blieb ihm letzlich keine Chance. Zwei Chemotherapien schlugen nicht an, seine Lunge versagte zusehends, Finger und Zehen starben langsam ab. Hoffnung klammerte sich an ein drittes Präparat – teuer, experimentell, nur in einer anderen Klinik verfügbar. Er sollte daher nach Hamburg ins UKE verlegt werden. In dieser Zeit begann Theo, wenn auch zögerlich, sich mit dem möglichen Ende auseinanderzusetzen.

Am 03. November kam er ins UKE. Am 04. November fuhr ich zu ihm – mit allen Unterlagen für eine Notfalleheschließung im Gepäck. Doch es kam anders! Theo war inzwischen zur besseren Kontrolle auf die Intensivstation verlegt worden – doch ich traf ihn nicht mehr bei Bewusstsein an. Man hatte ihn, während ich vor der Intensivstation wartete, gegen seinen Willen ins künstliche Koma versetzt, weil er sich gegen die invasive Beatmung wehrte. Als ich endlich zu ihm durfte, war ich erschüttert – Blut auf dem Boden, Hände fixiert, Haare zerzaust. Wo war seine Würde geblieben? So würde er das niemals gewollt haben!

Ein Arzt kam und erklärte mir, Theo habe sich gegen die Beatmung gewehrt. Die Sauerstoffsättigung war zu niedrig, also habe man ihn ins künstliche Koma gelegt – zu seinem Besten. Ich versuchte, über andere Wege zu sprechen, doch der Raum dafür war nicht da. Während des Gesprächs löste Theo mehrere Alarme aus. Es schien, dass er mithörte. Er wollte sich einmischen, definitiv!

Am nächsten Morgen, den 05. November, rief mich ein Chefarzt an, Theo sei auf einem kritischen Level. Ob er Leben wolle? Ich sagte: Grundsätzlich Ja. Und fuhr sofort wieder zu ihm. Auf der Station traf mich erneut der Schock: er lag in Bauchlage, sein Körper entblößt. Der Pfleger versuchte zu beruhigen – hohes Fieber, darum das Ausdecken. Ich berührte Theos Arm, er war eiskalt. Der Arzt berichtete mir dann, dass mit zusätzlicher Beatmung und Dialyse gegen die Sepsis angekämpft würde. In der Nacht zuvor habe Theo seine erste Dosis der neuen Chemo erhalten, die jedoch eine Blutvergiftung auslöste. Die Bauchlage solle entlastend helfen, sei aber zeitlich begrenzt.

Ich hab wieder meine Zeit bei Theo damit verbracht, ihm zu erzählen, was alles so passiert ist, ihn zu streicheln, seine Haare zu ordnen und Mut zuzusprechen. Dann kam der Arzt und bat mich und den Besuch des anderen Patienten im Zimmer in den Wartebereich vor der Intensivstation. Es würde so ca. eine halbe Stunde dauern bis Theo gedreht wäre, man würde mich dann wieder holen.

Ich ging zur Normalstation, um Theos restliche Sachen zu holen. Dann wartete ich eine gefühlte Ewigkeit mit den anderen Besuchern. Auf einmal wurde es hektisch, Panik stieg in mir auf und eine Ahnung schlich sich ein – es geht um Theo! Und so war es.

Ein Arzt bat mich in einen Nebenraum. Man versuche seit über einer Stunde, Theo zu reanimieren. Ich solle mich auf das Schlimmste einstellen. Er schickte die anderen Besucher nach Hause. Kurz darauf kam die Nachricht, Theo ist verstorben.

Als ich zu ihm durfte, war alles für den Abschied vorbereitet. Eine Trennwand zum anderen Patienten, LED-Kerzen brannten, Trauerkarten waren aufgestellt, der Boden frisch gewischt, ich konnte eine Abschieds-Ritualbox auf dem kleinen Tisch erkennen – Stille. Die Geräte waren ausgeschaltet, auf dem Monitor stand: Patient ausgecheckt. Ich legte meinen Kopf auf seine Brust und weinte. Irgendwann stand ich auf und sagte: „Komm, Theo, lass uns nach Hause gehen.“

Der Pfleger riet mir, nicht sofort zu fahren oder mich abholen zu lassen – doch ich tat es trotzdem. In Theos Auto, wie in Trance. Auf der Fahrt ein kurzer Moment des Dunkels, ein Gedanke ans Lenkrad – doch dann (s)eine innere Stimme in mir: „Keine Kratzer an dieses Auto“. Ich fuhr weiter. Als das Navi sagte „Sie haben ihr Zeil erreicht“, kehrte ich zurück in die Realität. Zuhause. Irgendwie. Ein Gefühl war in mir, dass Theo die Fahrt über mich gewacht hatte.

Aber ein Teil von mir ist mit ihm gegangen. Und ein Teil von ihm bleibt – in mir, in denen, die ihn schätzen und den Worten, die ich hier schreibe.

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