Nachdem ich die Karten gemischt hatte – ich mische immer so lange, bis entweder eine Karte querliegt oder sich in mir ein warmes, stimmiges Gefühl einstellt – zog ich mit fast zitternden Händen die erste Karte, um sie an ihre vorgesehene Position zu legen. Beim Ziehen jeder Karte sprach ich innerlich mit Theo, bat ihn laut darum, mir seine Antwort auf die jeweilige Frage zu geben.
Die erste Karte wird unterhalb der Reihe von sechs Karten platziert. Die achte Karte kommt darüber. (Auf dem Foto lässt es sich gut erkennen.) Diese erste Karte trägt eine besondere Bedeutung: Sie zeigt, wo sich mein Theo gerade befindet. Ist er bereits im Licht angekommen? Oder verweilt er noch freiwillig hier auf Erden? Oder ist seine Seele blockiert und findet den Übergang ins Licht noch nicht? Genau deshalb ist diese Position der Schlüssel für die ganze Legung.
Die Autorin, Petra Smerling, nach deren Buch ich die Legung durchführte, teilt die 40 Lenormand Karten in drei Kategorien, wobei sie eine nicht aufgeführt hat:
17 positive Karten, die anzeigen, dass die Seele im Licht ist – geborgen und angekommen.
14 neutrale Karten, die deuten, dass die Seele noch auf Erden verweilt – aber freiwillig.
8 negative Karten, die zeigen, dass die Seele blockiert ist und den Weg ins Licht noch nicht antreten kann.
Diese erste Einordnung bildet die Grundlage. Danach geht es um die tiefere Botschaft der gezogenen Karte. Für mich ist dabei entscheidend, unabhängig von der Grund-Deutung jeder Karte, wie sich die Karte anfühlt, welches Bild, welche Emotion sie in mir hervorruft.
An diesem Abend zog ich die Karte 23 – die Mäuse. Ein Stich durchfuhr mein Herz. Damit hatte ich nicht gerechnet. Die Mäuse gehören zu den negativen Karten – die Bestätigung fand ich auch im Buch. Theo war blockiert, er konnte seinen Weg ins Licht nicht antreten. Sofort stiegen in mir Bilder, Worte und Gefühle auf, begleitet von einer bedrückenden Kälte der Traurigkeit. Ich schaute auf sein Foto – er lächelte mich darauf mild an.
Nun galt es, tiefer in die Bedeutung dieser Karte einzutauchen. Also schlug ich das große letzte Kapitel im Buch auf, in dem alle Karten unter dem Aspekt der blockierten Seele gedeutet werden.
Die Mäuse stehen im Lenormand immer für „Verlust“ – sie nagen, sie schwächen, sie machen etwas unvollständig. Auch im Buch ist die Rede von nagenden Ängsten und Unsicherheiten. Du hast meinen Blog über Theos Abschied gelesen? Dann weißt du: Er wurde gegen seinen Willen auf der Intensivstation fixiert und ins künstliche Koma gelegt, während ich draußen mit den Papieren für unsere Notfalleheschließung um Einlass bat. Dieser Moment verfolgt mich bis heute – die Frage, was er wohl in dieser Zeit durchgemacht hat, ohne Möglichkeit, selbst zu entscheiden.
Theo wollte mich versorgt wissen, wollte, dass sein Erbe in guten, ehrenden Händen bleibt – nicht im Zugriff der Gier. Deshalb die Notfalleheschließung. Und doch nahm man ihm in diesen letzten Stunden seine Selbstbestimmung. Als die Mäuse fielen, schossen mir all diese Bilder wieder durch den Kopf. Ich konnte die Tränen nicht halten.
An dieser Position zeigen die Mäuse Theos Zweifel, die ihn blockieren. Verlust und Unvollständigkeit verwehren ihm den Schritt ins Licht – es bleibt für ihn unerreichbar. Und ausgerechnet Theo, der Zeit seines Lebens als leidenschaftlicher Pilot selbst im Blindflug mit sicherer Hand navigierte, der immer alles akribisch plante und mit Sorgfalt ausführte, steckt nun in einem fast teuflischen Kreislauf.
Mein Herz flüstert nur eines: Möge ich diesmal seine Stütze sein.
