Wenn Stärke zur Last wird

Nachdem mich die erste Karte – die Mäuse – erschüttert zurückgelassen hatte, weil sie mir zeigte, dass Theos Seele den Weg ins Licht nicht gehen konnte, blieb mir kaum Zeit, um meine Fassung wiederzufinden. Doch das Legen der Karten folgt seinem eigenen Rhythmus, und so griff ich mit klopfendem Herzen zur nächsten. Sie stand für den Übergangspfad – die Frage, wie Theos eigener Übergang verlaufen war.

Mit bebender Hand drehte ich sie um: die 15 – der Bär.
Im Lenormand symbolisiert er Kraft, Stärke und Autorität. Eigenschaften, die so gut zu Theo passten: innere Standhaftigkeit, ruhige Präsenz, souveräne Führung. Doch in dieser besonderen Legung mussten alle Deutungen unter dem Schatten seiner Blockade gelesen werden. Was sonst kraftvoll strahlt, kehrt sich ins Gegenteil.

Die Mäuse nagen am Bären“ – dieser Satz schoss mir sofort in den Kopf. Kräfte schwinden, Autorität löst sich auf, Selbstbestimmung geht verloren. Das Buch bestätigte meinen Gedanken: Erschöpfung, ein Gefühl, ohne die vertraute Energie des Lebens schutzlos und zurückgelassen zu sein – ausgeliefert.

Wieder war ich zurück in jenen bitteren Tagen. Theo, unfreiwillig ins künstliche Koma versetzt, seiner Selbstbestimmung beraubt. Das neue Chemopräparat, das trotz seiner Instabilität verabreicht wurde. Die tödliche Sepsis, die folgte. All das spiegelte sich in dieser Karte.
Der Prozess seines Übergangs war alles andere als leicht. Hilfe aus der geistigen Welt mag dagewesen sein – doch sie blieb für ihn unsichtbar – schier unerreichbar.

Als ich die Karte betrachtete, spürte ich erneut die tiefe Traurigkeit jener Stunden. Die Karten bestätigten, was mein Herz damals schon wusste: Theo war bis zuletzt seiner größten Stärke beraubt – somit verzweifelt. So viel Ungesagtes und noch Unerledigtes ließ er zurück.

Ich werde ihm seine innere Haltung und seine Werte wiedergeben. Eine große Aufgabe erwartet mich, deren Herausforderung ich mich gerne stelle – unterstützt und von unserer Liebe getragen.

Papa – ein akribischer Lebensplaner, der seinen Abschied nicht dem Zufall überließ

Manche Abschiede kündigen sich nicht leise an – sie hinterlassen ein Echo.
Manchmal sind es kleine, unscheinbare Momente, die erst im Rückblick ihre ganze Bedeutung entfalten. Als mein Papa starb, hinterließ er uns nicht nur eine Lücke, sondern auch Zeichen. Für jeden von uns – so, wie er eben war: klar, präzise, aufmerksam.

Papa war – wie schon erwähnt – Beamter durch und durch. Klar in seinen Strukturen, akribisch im Handeln und Planen. Wenn ich heute zurückblicke, wundert es mich nicht, dass er selbst seinen Abschied auf eine Art „vorbereitet“ hat.

Es war Juli 2010, Fußball-Weltmeisterschaft. Deutschland sollte gegen Uruguay um Platz 3 spielen. Papa hatte jede Menge Süßigkeiten gekauft – für einen gemütlichen Fußballabend. Mama lachte noch: „Oh Gott, Heinz, wer soll das alles essen?“ Aber es kam anders.

Wie immer machten Mama und Papa mittags zwischen 13 und 15 Uhr ein Nickerchen. Doch diesmal wachte Papa auf, sah Mama an und sagte leise: „Mielein, mir ist so eng ums Herz.“ Dann verstarb er – einfach so.

Mama, durch ihre Arbeit als Coronar-Trainerin mit Wiederbelebung vertraut, reagierte sofort: Fenster auf, Nachbarn zugerufen, den Rettungsdienst zu alarmieren, Herzmassage beginnen. Sie wusste jedoch auch, wann ein Kampf verloren ist. Als die Rettungskräfte endlich kamen, hatte sie bereits dafür gesorgt, dass Papa sauber und würdevoll da lag. Auch sie konnten ihn nicht zurückholen.

Doch Papa ging nicht still. Er schickte jedem seiner Kinder ein Zeichen – genau zu der Zeit, in der er starb.

Ich selbst lag mit Theo im Garten in der Sonne, als wir plötzlich ein lautes Knallen hörten. Wir suchten drinnen und draußen – nichts. Später, nach dem Anruf von Mama und dem ersten Schock, wollten wir mit dem Auto zum elterlichen Zuhause fahren, um sich von Papa zu verabschieden. Doch das elektrische Garagentor rührte sich nicht. Nur ein Knirschen. Theo entdeckte die Ursache: eine gebrochene Feder – genau das Knallen, das wir zuvor gehört hatten.

Meine Schwester war an diesem Tag auf dem Weg ans Meer. Plötzlich gingen an einer Ampel das Auto aus und alle Kontrollleuchten im Auto an – nach mehreren Startversuchen war dann alles wieder normal. Erst viel später erfuhr sie von Papas Tod. Auch diese Zeichen passten genau in den Zeitrahmen seines Abschieds.

Papas zweiter Sohn in Kanada erzählte später, dass an diesem Tag im Radio „Morning Has Broken“ lief – genau zu der Zeit, umgerechnet auf unsere Uhr, als Papa starb. Ein Lied, das sie bei den seltenen Besuchen gemeinsam gespielt hatten – er am Klavier, Peter an der Gitarre.

So war Papa: strukturiert, fürsorglich – selbst in seinem letzten Moment. Er hat uns einen stillen Alarm geschickt. Eine Botschaft: „Ich muss gehen. Passt mir auf Mielein auf.“ ❤️

Papa war immer zu Späßen aufgelegt – Möwen füttern auf seine Art

Hoffnung auf ein Zeichen – wenn der Himmel antwortet

In den ersten Monaten der Trauer zog es mich oft zu Theos Baum im Ruheforst. Dieser Ort wurde mein stiller Zufluchtsort, wenn mich die Sehnsucht zu überwältigen drohte. Ich fühlte mich oft allein, leer, innerlich ausgezehrt.

An einem späten Nachmittag saß ich wieder dort – an seinem Baum, den ich damals so bewusst ausgesucht hatte. Ich sprach leise, aber klar. „Theo, bitte… gib mir ein Zeichen.“

Ich hob den Blick, suchte zwischen den Bäumen. Vielleicht ein Reh, dachte ich. So wie damals, als ich auf der Suche nach „seinem“ Baum war – und plötzlich ein Reh vorbeihuschte. Ich hatte es damals als Zustimmung gedeutet, als stilles „Ja, das ist der richtige Platz.“

Doch diesmal kam nichts. Kein Reh. Kein Hase. Kein Vogel, kein Schmetterling. Nur das Rauschen der Bäume. Ich versuchte, ruhig zu bleiben, weiter offen. Und dann…

Ein leises Zischen. Irritierend. Kein typisches Waldgeräusch. Dann wieder Stille. Und noch einmal dieses Zischen – nun näher. Ich lauschte, suchte den Ursprung.

Und plötzlich sah ich ihn: einen knallroten Heißluftballon, der über den Wald glitt.

Ich musste laut lachen. Da war ich, mit meiner naturverbundenen Seele, auf der Suche nach einem zarten, tierischen Zeichen – und Theo, der Pilot, der Flieger durch und durch, schickte mir einen Heißluftballon!

Ich sah zum Himmel und sagte: „Okay, mein Lieber. An unserer Kommunikationsform müssen wir vielleicht noch ein bisschen arbeiten.“ Aber in diesem Moment wusste ich: Es war ein Zeichen. Sein Zeichen.

Unverkennbar, liebevoll und typisch Theo.

Und ja – sie sind da, diese Zeichen. Vielleicht nicht immer so, wie wir sie erwarten. Aber sie finden ihren Weg. Besonders dann, wenn unser Herz bereit ist, sie zu sehen.

Der Ruheforst in Aukrug-Waldhütten